Wie viel Technik braucht ein Schulgebäude wirklich?
Antworten auf diese Frage im Kontext von Low-Tech-Strategien und dauerhafter Architektur gibt Gründungspartner Christian Schmidt. In Vorbereitung auf einen Impuls auf der diesjährigen SCHULBAU in Frankfurt, sprachen wir mit Christian Schmidt genau zu diesem Thema. Erfahren Sie, was seine Antworten sind. Viel Spaß beim Lesen!
Christian, heute sprechen wir über die Frage: Wie viel Technik braucht ein Schulgebäude wirklich?
Seit ein paar Jahren können wir einen starken Trend hin zu immer mehr Technik und Automatisierung beobachten, auch im Bereich Schul- sowie Kitabau.
Gleichzeitig hat das Büro in den letzten Jahren zwei Schulbauwettbewerbe gewonnen und erfolgreich realisieren können. Welche Erfahrungen habt ihr dabei gemacht?
Räume für Kinder zu schaffen, ist etwas ganz Besonderes. Das sind Räume, in denen die wichtigsten Phasen von Lernen und Entwicklung – kurz gesagt das Menschwerden – ermöglicht wird. Wir merken allerdings: Die Anforderungen an Schulen werden immer komplexer – baulich, pädagogisch und technisch.
Mehr Technik sollte also die Lösung sein?
Sowohl in Konstruktion als auch im Aufwand zum Unterhalt von Häusern hat die Komplexität, wie in allen Bereichen unseres Lebens, kontinuierlich zugenommen. High-Tech bedeutete oft hohe Kosten, viel Wartung und große Anfälligkeiten für Störungen und Probleme. Was geplant vielleicht gut klingt, funktioniert im Alltag nicht immer.
Wenn wir uns z. B. das Thema Holzpelletheizung anschauen: öko-bilanziell eine feine Sache, aber im Betrieb oft ein echter „Spaßkiller“ – der Klassiker ist eine verstopfte Förderschnecke. Gleiches gilt für mechanische Lüftungssysteme mit Filtern und Wärmetauschern.
Und was ist die Alternative?
Back to basics: bewusst eingesetzte Low- und Smart-Tech. Also einfache, robuste Lösungen mit natürlicher Lüftung, gutem Tageslicht und nachhaltigen, niedrigkomplexen Baustoffen und Materialien.
Wo liegt darin das Potenzial?
Vor allem in geringen Lebenszykluskosten, mehr Betriebssicherheit und einer besseren Akzeptanz bei den Nutzerinnen und Nutzern.Dabei ist Low-Tech auf keinen Fall No-Tech und oft auch keineswegs einfacher in der Planung, eher das Gegenteil ist der Fall. Das ist wie beim Tischler- oder Zimmermannshandwerk: Wenn es auf der Baustelle reibungslos ablaufen soll, müssen wir millimetergenau für Werkstatt und Produktion vorplanen.
Dieser Ansatz klingt schon sehr nachhaltig gedacht. Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit in den Entwürfen für Bildungseinrichtungen?
Entwürfe, Anforderungen und örtliche Gegebenheiten variieren, aber wir folgen einer klaren Leitidee: einfache, robuste Konzepte. Dafür setzen wir auf kompakte Bauweisen, gute Tageslichtausrichtung, passive Klimastrategien, wie z.B. Verschattung, sowie natürliche und langlebige Materialien. So halten wir den Energiebedarf niedrig und schaffen ein angenehmes Raumklima. Gleichzeitig reduzieren wir technische Komplexität und planen Gebäude flexibel, ressourcenschonend und wirtschaftlich im Betrieb. Kurz gesagt: kompakt und einfach bauen.
Was ist deiner Meinung nach eine kompakte, einfache und nachhaltige Bauweise?
Die eine Lösung gibt es da nicht, aber bewährt haben sich Holzmodulbauten, Sie sind ressourcenschonend, effizient und gut in Materialkreisläufe integrierbar. Durch die Kompaktheit bleibt außerdem mehr Raum für Außenflächen, etwa Gärten als Lernorte.
Wie funktioniert dieses Prinzip?
Es basiert auf einem simplen Baukastensystem aus vorgefertigten, massiven Holzmodulen, die vor Ort zusammengesetzt werden, ähnlich wie ein Stecksystem. Das ermöglicht eine schnelle und flexible Bauweise. Die Elemente können später wieder demontiert und wiederverwendet werden. So entsteht ein nachhaltiges und anpassungsfähiges System.
Wie entstehen darin kindgerechte Lernräume?
Wir planen Gebäude so, dass sie unterschiedliche Lernbedürfnisse abbilden. Es braucht sowohl Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten als auch offene Bereiche für Austausch und gemeinsames Lernen. Und bitte nicht alles genau vorgeben: Kinder brauchen im positiven Sinne auch Unbestimmtheit.
Was bedeutet das konkret für das Raumprogramm?
Ein bewährtes Prinzip sind offene Lernlandschaften. Klassen werden in Clustern organisiert, ergänzt durch Differenzierungsräume und Gemeinschaftsflächen. Diese Bereiche lassen sich flexibel nutzen, z.B. für Gruppenarbeit, individuelles Lernen oder Austausch.
Apropos Gemeinschaft: Wie kann diese gefördert werden?
Dafür braucht es viele Orte für Begegnung, egal ob drinnen oder draußen. Wir achten stets darauf, diese eng mit den Lernbereichen zu verknüpfen, damit lernen ein selbstverständlicher, sozialer und auch spielerischer Prozess wird.
Welche Rolle spielen zentrale Treffpunkte?
Zentrale Räume wie Foyer, Mensa oder beispielsweise ein Lernbistro sind entscheidend. Sie dienen als Treffpunkt und Kommunikationsort und bieten Raum für Veranstaltungen oder Schulfeste.
Lass uns gerne nochmal auf das Foyer als Raum eingehen.
Das Foyer ist meist der erste Raum, den man in einer Schule betritt. Uns ist wichtig, ihn einladend und offen zu gestalten – ein Treffpunkt und Verteiler gleichermaßen. Von hier aus sollten alle anderen Bereiche gut erreichbar sein.
Gelingt Offenheit dann nur durch große Räume und Höhe?
Nicht nur. Entscheidend ist vor allem das Licht. Bei der Arnold-Freymuth-Schule in Hamm haben wir in zentralen Bereichen gezielt Licht von oben eingesetzt. Über Glasdächer holen wir das Außen nach innen, und das Licht wirkt durch die Räume hindurch. Für uns ist Licht ein zentraler Raumbildner – es strukturiert, belebt und leitet.
Gerade bei der Arnold-Freymuth-Schule spielt nicht nur Licht, sondern auch wieder der Gedanke eines zentralen Ortes eine tragende Rolle. Erkläre bitte, wodurch diese Idee dort aufgegriffen wurde?
An dieser Stelle muss ich erwähnen, wie stolz das ganze Büro auf dieses Projekt ist. Unser erster gewonnener Schulbauwettbewerb! Unsere Leiterin Entwurf Eva Franke hat gemeinsam mit ihrem Team eine Erweiterung entwickelt, bei der die bestehenden Gebäude durch zwei neue Schulhäuser und eine Sporthalle ergänzt werden.
Durch die gezielte Setzung der Baukörper entsteht mit dem Pausenhof ein zentrales Herzstück der Anlage. Alle Wege führen durch diesen Raum, sodass er ganz selbstverständlich zum Ort der Begegnung wird. So kommen Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Räume in einen aktiven Austausch. Genau das macht die Qualität des Entwurfs aus.
Ein klares Herzstück ist also ein entscheidender Punkt, der die Entwurfsqualität mitbestimmt. Wenn wir nun aber eine Dimension weiterdenken: Welche Rolle spielen Städtebau und Orientierung?
Der Städtebau ist bei solchen Projekten immer der entscheidende Aspekt. Eine Schule ist immer ein Kosmos wie ein Dorf oder eine Stadt, so müssen die Räume zwischen den Häusern oder Bauteilen auch die unterschiedlichen Anforderungen erfüllen. Entsprechend haben wir in der kleinteiligen Struktur von Hamm eine „Dorferweiterung“ an die beiden bestehenden Schulbauten gestalten können.
Kannst Du das an einem weiteren Beispiel festmachen?
Hier lohnt sich ein Blick auf die Silcherschule, die Erweiterung einer Grundschule mit zuvor unruhiger Struktur. Unser Ziel war ein klar gegliedertes Gelände, auf dem sich alle intuitiv orientieren können. Die neuen Gebäude greifen die Ausrichtung des Bestands auf und schaffen klare Räume und Wege. Ein zentraler Weg verbindet den Bestand mit den beiden neu gebauten Häusern; die dazwischen liegenden Freiräume sind zudem eindeutig zugeordnet.
Worauf habt ihr bei der Organisation der Gebäude geachtet?
Die Kubatur besteht aus gegliederten Baukörpern, die durch Staffelung ein Ensemble mit qualitätsvollen Zwischenräumen bilden.
Ein weiterer Punkt, der bereits kurz angesprochen wurde, ist Natur. Welche Rolle ist ihr beim Entwerfen zuzuschreiben?
Das ist entscheidend. Direktes und unmittelbares Erleben, und mit allen Sinnen im Wortsinn auch „begreifen“. Das fördert oft mehr als reine Theorie. Gleichzeitig steigert Natur die Konzentration, baut Stress ab und unterstützt Bewegung, Kreativität und soziales Miteinander.
Inwiefern wird das in unseren Entwürfen umgesetzt?
Wichtig ist ein einfacher Zugang zu Außenräumen. Bei der Ernst-Fahlbusch-Kita haben wir das konsequent umgesetzt. Dort versteht sich das Gebäude als Teil der Umgebung. Innen- und Außenraum greifen ineinander, die Gruppenräume im Erdgeschoss öffnen sich direkt zum Garten. Natürliche Materialien, viel Tageslicht und Blickbeziehungen ins Grüne verstärken das, wodurch eine Art „Gartenhaus“ entsteht.
Der Entwurf steht ja ein Stück weit für einen spielerischen, fast kindlichen Umgang mit Architektur. Deswegen: Was ist dein Highlight?
Ganz klar die angedachte Rutsche, die direkt vom Obergeschoss in den Garten führt. Ergänzt durch Laubengänge und Außentreppen entsteht ein Haus, das sich selbstverständlich in die Landschaft einfügt und den Garten zum zentralen Erlebnisraum macht.
Ein schönes Detail! Was steckt planerisch dahinter, dass solche Ideen und Qualitäten in einem Projekt erhalten bleiben?
Eine frühe Planung ist entscheidend. Wir müssen in frühen Planungsphasen das Gebäude ganzheitlich betrachten. Tendenziell nimmt die Qualität im Projektverlauf ab, während gleichzeitig die Kosten steigen, sodass wichtige Weichen bereits in der Entwurfsphase gestellt werden müssen, um langfristige Qualität zu sichern. So bleiben nicht nur Details und gestalterische Spielereien erhalten, sondern wir umgehen auch aufwendige Nachrüstungen im Betrieb.
Kannst du darlegen, welche Ansätze bei Schmidt Plöcker verfolgt werden, um einen erfolgreichen Projektverlauf und eine hohe Gebäudequalität zu gewährleisten?
In den über 15 Jahren, die es unser Büro nun schon gibt, hat sich gezeigt, dass kein Projekt dem anderen gleicht. Das ist eine Natur der Sache. Dennoch konnten wir einen Werkzeugkasten entwickeln, der uns bereits vor Projektstart unter die Arme greift. In erster Linie setzen wir auf eine gelebte Workshop-Kultur und einen stetigen Austausch – in unserem Team und mit allen anderen Beteiligten. Kommunikation ist hier der Schlüssel. Zusätzlich sind wir getrieben, von Fragen über die Zukunft: Wie und wo wollen wir zukünftig leben, arbeiten und zuletzt auch lernen?
Was erfordert die Beantwortung dieser Fragen?
Es braucht ein komplettes Umdenken im Planen und Bauen. „Kreislaufwirtschaft“ ist hier das Stichwort. Schule heißt, an das Morgen zu denken. So müssen wir auch Architektur denken. Wie gehen wir mit dem um, was bereits gebaut ist? Welche Wege müssen heute gegangen werden, damit wir für morgen und übermorgen nicht bloß Abfall hinterlassen. Wir setzen uns mit Urban Mining, Design for Disassembly oder einem zukunftsfähigen Gebäudemetabolismus auseinander und denken, bildlich gesprochen, Gebäude im Kreis. Wir möchten Orte hinterlassen mit Mehrwert. Hier sehen wir auch unseren Auftrag als Architektinnen und Architekten: einen Mehrwert für Kinder zu schaffen durch gut geplante Orte.
Zu guter Letzt ist noch ein Blick auf den wohl essenziellsten Einflussfaktor auf Entwurfsentscheidungen zu werfen: die Nutzerinnen und Nutzer.
Nur durch sie werden Planungen, Ideen und Konzepte lebendig. Unsere Aufgabe besteht nun mal darin, Gebäude zu planen, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. In Bezug auf die Gebrauchstauglichkeit, gerade hinsichtlich Tech und Nachhaltig- bzw. Dauerhaftigkeit, ist die Gebrauchstauglichkeit entscheidend. Die Nutzerinnen und Nutzer müssen effizient, effektiv und zielführend mit einem Gebäude interagieren können. Unsere Aufgabe besteht darin, zu verstehen, was im Alltag wirklich benötigt wird, was mögliche Probleme sind und natürlich, wie damit umzugehen ist.
Heißt das, während der Entwurfsentwicklung werden Feldstudien oder Umfragen durchgeführt?
So ist es leider nicht ganz. Oft stellen Auftraggeber den Anforderungsrahmen. Was den Unterschied macht, sind gezielte Fragen, das Verfolgen bildungspolitischer Entwicklungen und das aktive Zuhören – auch im privaten Umfeld. Was wünschen sich die eigenen Kinder, die zur Schule gehen? Was stört das Lehrpersonal? Wo liegen Herausforderungen?
Wir möchten aber mehr in den Dialog mit den tatsächlichen Nutzerinnen und Nutzern treten. Workshops helfen hier beispielsweise, da diese den Rahmen bieten, um individuelle Ideen einzubringen. Indem wir individuellen Anforderungen einen buchstäblichen Raum geben, können identitätsstiftende Orte entstehen, die das Heute überdauern.